Das Riesenbecker Platt – Dokumentation

„Das Riesenbecker Platt“ ist die umfassende schriftliche Dokumentation der Riesenbecker Mundart, wie sie um die letzte Jahrtausendwende noch lebendig war. Entstanden ist sie in den Jahren 1983 bis 2020. Das in dieser Zeit gesprochene Platt ist vielfach vom Hochdeutschen beeinflusst. Und genau dieses Platt, das von den letzten paar Dutzend Muttersprachler-Jahrgängen gesprochen wurde, habe ich aufgezeichnet. Die so entstandene Dokumentation ist durch das konsequente Erfassungsprinzip „Aufgezeichnet wie tatsächlich gehört“ recht authentisch. Das Ergebnis des Erfassungsprinzips ist eine Auflistung tatsächlich gehörter Wörter – also der tatsächlich genutzte Wortschatz, kurz: das aktive Vokabular.

Wenn dieses Vokabular vollständig ist, dann ist auch das Fehlen von Wörtern eine eindeutige Aussage, z.B. über die Verbreitung dieses Wortes oder über die Veränderung des Riesenbecker Platt, wenn das fehlende Wort vor dem Zeitraum der Erfassung nachgewiesen ist. Neben der Authentizität war daher die (weitgehende) Vollständigkeit das Hauptziel dieser Dokumentation.

Die angestrebte Vollständigkeit ist auch der Hauptgrund für die recht lange Erfassungszeit – 37 Jahre sind schließlich ziemlich ungewöhnlich, erklären sich aber auch dadurch, dass diese Dokumentation „nebenbei“ entstand, neben Familie und Beruf und vielen sonstigen Aktivitäten. Aber aufgrund der Art der Erfassung kann die Dokumentation nicht vollständig sein. So fehlen im Vokabular Wörter, die ich nicht gehört habe (z.B. berufsspezifische Wörter oder auch „schmutzige“ Wörter, die in meinem Umfeld nicht benutzt wurden). Außerdem habe ich natürlich nicht alle Plattsprecher gehört, die Kontaktsituationen waren oft zufällig und damit verbunden auch die gehörten Wörter.

Die Gefahr, dass durchaus geläufige Wörter durch Zufall nicht erfasst wurden, habe ich dadurch zu verringern versucht, dass ich zusammen mit meinen Eltern das „Wörterbuch der Westmünsterländer Mundart“ von Elling / Piirainen (Vreden 1992) durchgearbeitet habe. Dabei sind tatsächlich etliche Wörter gefunden worden, die nur zufällig noch nicht erfasst waren. Einerseits ist diese Bearbeitung eines anderen Wörterbuches eine Durchbrechung des Prinzips, nur gehörte Wörter in das Vokabular aufzunehmen, andererseits aber rechtfertigt das Ergebnis diese Durchbrechung, denn es dient dem erklärten Ziel, eine möglichst vollständige Dokumentation zu erstellen. Meine Eltern waren übrigens beide Plattdeutsch-Muttersprachler aus Riesenbeck (geb. 1924 und 1929).

Betrachtet man jede einzelne Vokabel als kleines Mosaiksteinchen, dann ergibt das Gesamtvokabular ein erstaunlich plastisches Gesamtbild Riesenbecks um die Jahrtausendwende.

Zusammen mit den zahlreichen Sprachbeispielen, Sprichwörtern und Redensarten entsteht ein vielschichtiges, facettenreiches Bild des damaligen Lebens in Riesenbeck. Insofern sagt diese Dokumentation auch sehr viel über die Menschen und ihre Zeit, ihre soziale Einbettung, ihre Lebenswelt, ihr Denken und ihre Werte aus – kurz: über das Umfeld der Sprache. Meine Empfehlung: lesen Sie einfach mal ein paar Seiten aus dem Vokabular wie ein Buch – vielleicht erleben Sie ja, wie vergangene Zeiten plötzlich lebendig werden.

Obwohl das Riesenbecker Platt nur in einem kleinen Gebiet von relativ wenigen Sprechern gesprochen wird und daher sprachlich recht homogen ist, gibt es dennoch gewisse Aussprachevarianten. Insbesondere der Diphthong „iä“ und das kurze „e“ kommen häufig alternativ vor (z.B. Kiärke/Kerke). Es kann daher vorkommen, dass in der Dokumentation Wörter mehrfach, aber in unterschiedlicher Aussprachevariation aufgeführt sind.

Beim Überarbeiten des Vokabulars ist mir immer wieder aufgefallen, dass ich viele erfasste Wörter seit langer Zeit nicht mehr gehört habe. Teilweise handelt es sich dabei um Wörter, die früher (zu Beginn meiner Aufzeichnungen) durchaus noch gebräuchlich waren, später aber nicht mehr gebraucht wurden. Dies ist sicherlich ein Zeichen für die Veränderung des Riesenbecker Platt, eine Veränderung, die man sehr oft als Verarmung bezeichnen kann.

Bei den künftigen Interessenten, die sich mit dieser Dokumentation beschäftigen, konnte ich einerseits nur geringe Platt-Kenntnisse voraussetzen, wollte aber andererseits eine weitestgehend richtige Aussprache ermöglichen. Das erforderte eine möglichst eindeutige Schreibweise, die für mich praktikabel war, ohne die Leser zu überfordern.

Die Lösung für diese Dokumentation sah für mich so aus, dass ich einerseits auf die allgemein übliche Wibbelt-ähnliche Schreibweise zurückgegriffen habe, andererseits eine einfache phonetische Schrift entwickelt habe, die mit den Möglichkeiten meines damaligen ersten PC-Programms „1-2-3 Lotus“ schreibbar war.

Das Vokabular ist parallel nebeneinander in diesen beiden Schreibvarianten geschrieben. Der Leser kann in der Wibbelt-ähnlichen linken Spalte arbeiten und in Zweifelsfällen die genaue Aussprache in der rechten phonetischen Spalte nachsehen. Auf diese Weise konnte ich die leichte Lesbarkeit der stark an das gewohnte Hochdeutsch angelehnten Wibbelt-ähnlichen Schreibweise mit der annähernd eindeutigen Aussprache einer phonetischen Schreibweise verbinden.

Die Dokumentation umfasst insbesondere:

  • eine umfangreiche, detaillierte Grammatik
  • eine Verbenliste (starke Verben, je 8 Flektionsformen)
  • Anmerkungen zum Riesenbecker Platt von Rosa Verlage (geb. 1851 in Bergeshövede)
  • Anmerkungen zum Riesenbecker Platt von August Wegmann (geb. 1886 in Birgte)
  • die Riesenbecker Wenker-Sätze von 1880 mit Anmerkungen
  • eine Liste plattdeutscher Hofnamen aus Riesenbeck
  • eine Liste plattdeutscher Gewässernamen aus Riesenbeck
  • eine Liste plattdeutscher Straßennamen aus Riesenbeck
  • eine Liste plattdeutscher Kindersprache-Wörter
  • das aktive Vokabular (über 36.500 Wörter) mit zahlreichen Sprachbeispielen, Redensarten und Sprichwörtern (parallel geschrieben: Wibbelt-ähnlich und phonetisch)
  • eine kleine Phraseologie des Riesenbecker Platt (Sprichwörter, Redensarten, Sprachgebrauch, …) (parallel geschrieben: Wibbelt-ähnlich und phonetisch)

Die Grammatik des Riesenbecker Platt habe ich in den späten 1990er Jahren ausgearbeitet. Ähnlich wie das Vokabular ist auch die Grammatik weitgehend vollständig. Bei der Erarbeitung der Grammatik habe ich gelegentlich in folgende Literatur hineingeschaut:

  • in meine alte Latein-Grammatik (lg, Stehle, Verlag Ernst Klett, 1967)
  • „Niederdeutsche Grammatik“ von Lindow, Möhn, Niebaum, Stellmacher, Taubken und Wirrer, Schuster Verlag Leer, 1998)
  • „Die kleine Sprachlehre des Münsterländer Platt“ von Walter Born, Regensberg Verlag, 1978)

Darüber hinaus sind auch etliche Anregungen unseres Korrekturlesers von „Dat Mönsterlänner Platt – Lehrbuch“ (Lehrbuch des Münsterländer Platt von Rita und Rudolf Averbeck, GutVerlag 2007), Herr Dr. Robert Peters, mit in die Grammatik eingeflossen.

Insbesondere mit einigen – zugegebenermaßen eigenwilligen – Kategorisierungen innerhalb der Grammatik war Dr. Peters nicht einverstanden. Beispielsweise habe ich vollständig auf Ablautreihen verzichtet. Mit Blick auf den enormen Aufwand einer Umarbeitung habe ich meine eigenen Typisierungen jedoch beibehalten. Für die äußerst kompetente Durchsicht meiner Grammatik möchte ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bei Dr. Peters bedanken. Viele seiner Anregungen wurden von mir eingearbeitet.

Die meisten Sprichwörter, Redensarten, Gedichte etc. (Phraseologie) wurden nach der Jahrtausendwende erfasst. Dazu möchte ich Folgendes anmerken: in den Jahrzehnten der Bearbeitung dieser Dokumentation fiel mir immer wieder auf, wie wenig Phraseologismen ich in Riesenbeck hörte. Verglichen mit der Vielzahl der von Dr. Elisabeth Piirainen gesammelten Redensarten (veröffentlicht in „Phraseologie der westmünsterländischen Mundart – Lexikon der westmünsterländischen Redensarten“ (Schneider Verlag Hohengehren GmbH, 2000) sieht meine Sammlung der gehörten Redensarten in Riesenbeck ziemlich mager aus.

Erwähnen möchte ich noch den „Arbeitskreis Riesenbecker Platt“. Mit Unterstützung des Heimatvereins Riesenbeck habe ich in den Jahren 1999 bis 2001 insgesamt 12 Arbeitskreissitzungen abgehalten, die jeweils in der Presse angekündigt und für jedermann zugänglich waren. Es nahmen insgesamt 15 Personen teil, davon viele nur einmal. Unter einem „Arbeitskreis Riesenbecker Platt“ hatten sich die meisten wohl eine Art gemütliche plattdeutsche Erzählrunde vorgestellt, und gerade das war es nicht. Mir ging es um die detaillierte Erfassung des Wortschatzes, um spezielle Fragen zurKonjugation oder Deklination von Wörtern und ähnliches. Dabei stießen viele, die sich für gute Plattkenner hielten, an ihre Grenzen. Das Ergebnis des Arbeitskreises war recht enttäuschend, und so ließ ich ihn nach 12 Einzelveranstaltungen auslaufen. Für die wohlwollende Unterstützung im „Arbeitskreis Riesenbecker Platt“ und für das Zurverfügungstellen von Material möchte ich mich bei allen Teilnehmern ganz herzlich bedanken.

Infos zur Bestellung

Die Dokumentation des Riesenbecker Platt kann entweder über den nebenstehenden Link, über das Kontaktformular auf dieser Homepage, beim Verlag Wiegedruckt in Bevergern und bei den Autoren selbst bestellt werden.

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